Lebendige Stadt oder Sanatorium?

Rückblick Freiheitspodium
Thomas Kessler, Berater und 
früherer Leiter Stadtentwicklung

Am Montagabend, 19. März, hat sich im Stellwerk St. Johann einmal mehr gezeigt, wie wichtig das freisinnige Basler Freiheitspodium für den städtischen Diskurs ist. Der Publikumsaufmarsch hat gezeigt, dass mit dem Thema Stadtlärm einmal mehr der Nerv getroffen wurde. Der hartnäckige Trend zu Überregulierung und Verrechtlichung des Alltags zeigt sich überdeutlich im Umgang mit Kinderlachen, Nachbar-Party, Jugendevent und den lebensfreudigen Emissionen der Gastronomie.

Da die Bewertung von Geräuschen höchst subjektiv ist und sich im Laufe der Zeit stets ändert, wurde nicht über Baulärm und Kirchenglocken geredet, sondern hauptsächlich über die Gastronomie und Musik. Marus Ebneter vom Wirteverband legte anschaulich dar, wie in Basel die rigorose Strapazierung der Lärmschutzgesetze die Wirte unter Dauerverdacht stellt und zu grotesken Einschränkungen führt. Mitten im Hochsommer müssen einzelne Gartenbeizen die Menschen zwischen 19 und 22 (Sommerzeit, noch hell) in die stickigen Räume schicken. Hotels von Weltrang wie das Drei Könige müssen zur besten Zeit die internationalen Gäste von der Terrasse wegbitten.

Bild Freiheitspodium

Von links: Harald Hikel, Maurus Ebneter, Franziska Laur (Moderation), Malika Abd’Rabbou und Urs Preisig.

Der Leiter der Abteilung Lärmschutz im AUE, Harald Hikel, erklärte die behördliche Praxis. Inzwischen messen, beraten, rügen und verzeigen ganze sieben Angestellte Wirte und Kulturveranstalter. Die Anzahl Meldungen sei derzeit stabil. Marus Ebneter führte dazu aus, dass vor nicht allzu langer Zeit eine Person in diesem Amt ausreichte und die behördliche Omnipräsenz als Damoklesschwert für die Wirte wirke. Ein Kulturveranstalter bestätigte am Rande der Veranstaltung, dass inzwischen an den Anlässen ständig unangemeldet Messungen vorgenommen werden. Malika Abd’Rabbou von der Mobilen Jugendarbeit zeigte ihre Sensibilisierungsarbeit mit Jugendlichen auf und plädierte für Toleranz. Offensichtlich sind die neuen Musikgeräte, klein und lautstark, im vernünftigen Handling noch eine Herausforderung. Urs Preisig vom QV Lääbe in der Innerstadt schilderte die Situation im Stadtkern und plädierte für Anstand und gesunden Menschenverstand. Aus dem Publikum merkte FDP-Vorstandsmitglied Karin Sartorius-Brüschweiler an, dass Quartiervereine mit viel Bürokratie konfrontiert sind, wenn sie ein Quartierfest organisieren wollen und die Stühle müssten eigentlich schon dann reingeräumt werden, wenn die Jungen erst in den Ausgang gehen würden.

Die Diskussion ergab, dass nicht noch mehr staatliche Obhut die Lösung ist, sondern gerade umgekehrt, die Rückkehr zum nachbarschaftlichen Miteinander und die Abkehr von wohlstandsbedingten Maximalansprüchen. Die Wirklichkeit ist ja, dass mit der Verkehrsberuhigung im Zentrum der Geräuschpegel derart gesunken ist, dass morgens die Putzmaschinen plötzlich als solche wahrgenommen werden. Als Folge davon schafft jetzt der Kanton leise Elektroputzfahrzeuge an. Diese Beruhigung im Kern der Agglomeration führt stets zu neuen Ansprüchen, man will das städtische Angebot an Kultur und Gastronomie in Gehdistanz, ohne es privat zu hören.

Auf dem Land ist es übrigens nicht anders, die Zuzüger aus der Stadt finden schon nach kurzer Zeit das heimelige Kuhglockengeläut und das Gackern der Hühner unerträglich. Zudem merken sie, dass die Agglomeration immer städtischer wird, während die Städte zum Ländlichen tendieren. Das Phänomen ist weltweit bekannt: Je wohlhabender die Gesellschaft, je höher die Ansprüche. Als 1970 40 000 Menschen mehr in Basel-Stadt lebten als heute, es doppelt so viele Kinder und Jugendliche gab, noch jedes Quartier ein Tanzlokal hatte und die Innerstadt wie selbstverständlich mit dem Auto angefahren wurde, reichte ein Teilzeitbeamter für Lärmschutz vollständig aus. Der Verkehr war viel lauter, in fast allen Wohnungen lebten mehrere Menschen. Heute ist jede zweite Wohnung mit einem einzigen Bewohner belegt, Einsamkeit ein ernsthaftes gesellschaftliches Problem.

Das Freiheitspodium zeigte deutlich auf, dass die Bürokratisierung der Stadtgeräusche ein Holzweg ist. Der Umgang damit gehört zurück in die Zivilgesellschaft, und wo diese überfordert und ein Lärmverursacher uneinsichtig ist, gibt es wie seit jeher die Polizei. Die Gastronomen und Kulturveranstalter sollen inskünftig von den Behörden nicht Schikanen, sondern Dank für ihr gesellschaftlich wertvolles Engagement bekommen. Und gegen exzessive Prozessierlust hilft die Einführung des Friedensrichters. Wer tatsächlich die Gerichte bemühen will, soll sich erst vor dem Juge de Paix erklären.

Freiheit ist Selbstverantwortung und Engagement.

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